„Dung, guts and blood“: Stadt- und Aufklärungskritik in Jonathan Swifts skatologischen Gedichten – Jens Martin Gurr

In der Literatur des 18. Jahrhunderts ist die Ausscheidung, wie zu den meisten Zeiten, ein Tabuthema. Allerdings wird dieses Tabu um diese Zeit von immer mehr englischsprachigen Schriftstellern verletzt. Der Anglist und Literaturwissenschaftler Jens Martin Gurr untersucht die Gründe dafür exemplarisch an den Gedichten von Jonathan Swift (bekannt geworden durch „Gullivers Reisen“). Immerhin stehen diese Themen dem optimistischen Bild der britischen Aufklärung dieser Zeit entgegen. Bei Swift schleichen sich derartige Passagen immer wieder in das hehre Thema der minnehaften Verehrung der Geliebten ein und zeigen so den Ort des Tabus besonders deutlich auf. Ästhetik und Fäkalien passen nicht zusammen. Bis in die 1950er Jahre wird Swifts Themenwahl mit einer Perversion des Autors, einer Besessenheit von Fäkalien, erklärt. Aber auch bei anderen großen Autoren seiner Zeit (etwa Alexander Pope, John Gay oder Laurence Sterne) tauchen diese Themen auf. Die Interpretation entwickelt sich in die Richtung, dass hier eine Kritik an der Idealisierung und Romantisierung von Frauen bis zur Körperlosigkeit geübt wird. Es wird also einem aufklärerischen Impuls nachgegangen. Gleichzeitig scheint hier die Frau für das Menschliche in jedem Menschen zu stehen, was den zunächst naheliegenden Vorwurf der Frauenfeindlichkeit entkräften könnte. Zusätzlich stehen die Texte im Kontext einer verbreiteten Kritik an den mangelhaften hygienischen Verhältnissen im London des 18. Jahrhunderts. Allerdings sind derartige Verhältnisse auch in anderen Epochen Alltag und erklären noch nicht die „Häufung“ skatologischer Texte zu genau jener Zeit. London gilt Anfang bis Mitte des 18. Jahrhunderts als äußerst liberal und so kann der Schwall der Fäkalliteratur auch plausibel als konservative Politik-Kritik gelesen werden. Auch die generelle Aufklärungseuphorie, die Lobpreisung der menschlichen Rationalität und Güte (vor allem durch Francis Hutcheson) und damit der Optimismus in Philosophie und Politik des Englands jener Zeit bietet eine willkommene Zielscheibe. Swift kritisiert dieses Menschenbild auch in „Gullivers Reisen“, in dem er mit den affenähnlichen „Yahoos“ sein Bild des Menschen als wildes, ungezügeltes Tier (und eben nicht als „animal rationale“) malt. Er lässt seinem Moralskeptizismus über seine Fäkalgedichte und damit der Konzentration auf das am wenigsten rationalistisch verklärte Element der menschlichen Existenz freien Lauf.

Die Konzentration Jonathan Swifts und seiner Zeitgenossen auf Fäkalien und andere Körperausscheidungen stellt sich somit als vielschichtige, politische wie auch philosophische Kritik an einem besonders in Großbritannien im 18. Jahrhundert gängigen Welt- und Menschenbild dar, mit dem der Mensch möglicherweise überzeichnet und überfordert sein könnte…

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: H. W. Ingensiep / W. Popp (Hrsg.): Hygiene und Kultur. Interdisziplinäre IOS-Schriftenreihe Band 2. Essen: Oldib-Verlag 2012.

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